Mossul: Ohne Schutz kehren religiöse Minderheiten nicht zurück

14. november 2016

Der irakische Menschenrechtler William Warda sprach in Zürich über die religiösen Minderheiten im Irak. Mit der Rückeroberung von Mossul sei es nicht getan. Die religiösen Minderheiten könnten nur in einer Demokratie überleben, die Vielfalt anerkenne.



William Warda erinnerte an Sinjar. «Das Siedlungsgebiet der Jesiden wurde vor einem Jahr vom Islamischen Staat ‚befreit‘, bis heute sind jedoch nicht einmal 5 % der Jesiden zurückgekehrt.» Eine ähnliche Entwicklung sei für Mossul und Umgebung zu erwarten: Wenn weder die irakische Regierung noch eine Großmacht wie die USA oder Russland Sicherheit garantiere, werde die Mehrheit der Vertriebenen nicht zurückkehren und die Gewalt weitergehen – möglich sei sogar ein offener Krieg zwischen den «Befreiern».

Warda zeigte die Gewalttaten auf, die Christen und Jesiden seit der irakischen Unabhängigkeit 1932 zu erdulden hatten. Der Höhepunkt dieser Entwicklung sei die Terrorwelle der letzten Jahre gewesen, die die Zahl der irakischen Christen von 1,5 Millionen im Jahr 2003 auf weniger als 300 000 reduziert habe. Nach dem Einmarsch der Amerikaner hätten extremistische Islamistengruppen Angehörige religiöser Minderheiten gezielt getötet und entführt.

Doch auch von Seiten der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad stehen Nichtmuslime unter Druck: Die Regierung weigere sich zum Beispiel, das Gesetz abzuschaffen, das Kinder automatisch zu Muslimen mache, wenn ein Elternteil zum Islam konvertiert. Zudem habe das irakische Parlament vor kurzem ein Alkoholverbot verabschiedet – der Alkoholhandel ist traditionellerweise in christlicher Hand. «Die Regierungen in Erbil und Bagdad wollen das Potenzial der Minderheiten entweder dominieren, einschränken oder auslöschen.»

«Die USA konzentrierten sich nur auf die Schiiten, Sunniten und Kurden,» so Warda. Die Christen und anderen religiösen Minderheiten hätten «einen hohen Preis» bezahlt für die amerikanische Besetzung des Iraks von 2003.

Autonome christliche Provinz keine Lösung

Plänen für eine autonome christliche Provinz im vom IS zurückeroberten Gebiet steht Warda skeptisch gegenüber: «Die Christen und Jesiden werden zweifellos von gewissen Leuten dazu gedrängt, eine solche Provinz zu fordern, weil diese Leute denken, dass das Gebiet dann der Kurdischen Regionalregierung oder einer anderen Region zugeschlagen wird.» Eine solche Lösung würde den Christen jedoch nichts nützen, sagte Warda.

«Die Zentralregierung und die Kurdische Regionalregierung haben das Vertrauen der Minderheiten verloren», bemerkte Warda. Sie müssen von der UNO oder von einer Supermacht ein Mandat oder Unterstützung bekommen, damit Schutz garantiert sei. «In einer Demokratie, die politische und religiöse Vielfalt anerkennt, könnten die Minderheiten überleben.» Eine solche Demokratie müsse jedoch auf Rechtstaatlichkeit gründen. Solange diese fehle, würden die irakischen Minderheiten den einzigen Ausweg wählen, der ihnen bleibe: die Emigration.

Joel Veldkamp, übersetzt durch Alexandra Campana

Auf diesem Video können Sie sich das ganze Referat von William Warda anschauen.

 

 

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